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© 2018 Concorde Filmverleih GmbH, Shigeko u. Isao Sugihara (Japan, verheiratet seit 1951)

 

Kinostart: 05.04.2018
Regie & Buch: Yaesmin & Nesrin Samdereli
D 2017
Filmlänge: 97 Min

 

In einer Partnerschaft mit ein und demselben Menschen mehr als fünfzig Jahre seines Leben zu teilen, scheint für viele junge Paare heute unvorstellbar. Ganz zu schweigen von der Jungfräulichkeit vor der Ehe. Doch solche Beziehungen waren vor ein paar Jahrzenten noch völlige Normalität. Wie schaffte die Generation unserer Großeltern das? Und was bleibt da am Ende, wenn man ein ganzes Leben miteinander verbracht hat?

 

Diese Fragen hat sich der Film „ Die Nacht der Nächte“ zum Thema gemacht. Nach der Komödie „Alemanya – Willkommen in Deutschland“ ist es der zweite Film der der Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli. Der Dokumentarfilm nähert sich gleichermaßen unterhaltsam wie tiefsinnig dem Thema und stellt dazu vier Paare aus drei Kontinenten in den Mittelpunkt, die seit 55 oder mehr Jahren zusammen sind. Die Protagonisten erzählen dabei mit großer Offenheit über Liebe, Partnerschaft und Sex, aber auch ihre über Probleme und die Gesellschaft.

 

© 2018 Concorde Filmverleih GmbH, Kamala u. Nagarajayya Hampana (Indien, verheiratet seit 1961)

 

Da ist einmal das indische Ehepaar Kamala und Hampana, zwei humorvolle Menschen die viel Lachen und sich trotz mancher Streitpunkte immer wieder gern in den Arm nehmen. Dabei begann ihre Beziehung alles andere als leicht. Beide lernten sich auf der Universität kennen und Hampala war sofort angetan von der fleißigen und schlauen Frau, die unter den nur wenigen Frauen auf der Universität einen großen Wissensdurst hatte. Die beiden verliebten sich, doch die Familie von Hampala war gegen die Beziehung, da dieser aus in einer höheren Kaste stammte als Kampala. Seine Mutter drohte ihm sogar mit Selbstmord, andere Familienmitglieder sorgten dafür, das Kampala ihren Job verlor. Aber die beiden blieben hartnäckig und heirateten ohne es jemandem zu erzählen. Obwohl sich die Gemüter nach deren ersten gemeinsamen Kind etwas beruhigten, geht besonders Kamala die damalige Erfahrung selbst heute noch sehr nahe.

 

Auch das japanische Ehepaar Shigeko und Isao weiß wie es ist gesellschaftlichen Normen unterworfen zu sein. Shigeko wuchs als Tochter eines Reisbauern auf, sie wusste wie hart die Arbeit auf den Feldern war und wünschte sich sehnlichst Schneiderin zu werden. Doch nach dem Krieg war das Essen knapp und Shigekos Eltern wollten ihre Tochter versorgt wissen. Die Familie suchte ihr einen Ehemann aus und fand Isao. Obwohl es für sie ein Fremder war, wurde geheiratet und sie fand sich bald hart arbeitend auf dem Feld oder im Haushalt wieder. Es war eine schwere Zeit für Shigeko, die sogar einmal floh, aber die Familie schickte sie zurück zu ihrem Ehemann. Erst nach der Geburt ihres Kindes näherten sich die beiden an. Shigeko sah in ihm endlich den fürsorglichen und weichen Menschen, den sie sich gewünscht hatte. Noch heute macht Isao sich große Vorwürfe, dass er Shigeko damals nicht mehr Arbeit abnahm. Man merkt, dass Shigeko sich vielleicht ein anderes Leben gewünscht hätte, doch spätestens als sie an Neujahr im Kreise der Familie sitzen geht sie auf.

 

In einem ganz anderen Kulturkreis leben das Ehepaar Hildegard und Heinz auf einem kleinen Hof in Deutschland. Die beiden scheinen Grund auf verschieden und verpassen keine Gelegenheit sich kleine Seitenhiebe zu verpassen. Ganz offen sprechen sie darüber wie sie es geschafft haben ihre Beziehung über die Jahre hinweg immer wieder zu „retten“. Sie sind wohl das komischste Paar des Films, erinnert ihr Verhalten doch manchmal auch an das von Kindern. Zum einen machen sie was wollen und möchten auch immer Recht haben behalten, zum anderen schaffen sie Streiteren entweder mit einem Küsschen oder mit schierem Auseinander gehen kurzerhand wieder aus der Welt.

 

© 2018 Concorde Filmverleih GmbH, Bill Novak u. Norman MacArthur (USA, zusammen seit 1961)

 

Und dann ist da noch das homosexuelle Paar Norman und Bill, die es in den USA der sechziger Jahre nicht leicht hatten mit ihrer Sexualität. Schon früh lernten sie sich kennen und lieben, ihre Familien akzeptierten ihre Homosexualität, doch offen wurde nie darüber gesprochen. Als ihnen klar wurde, dass sie nach der damaligen Gesetzeslage weder ein Anrecht auf das jeweilige Erbe des anderen hatten, noch den anderen im Krankenhaus besuchen dürften, beschlossen sie sich als „Vater“ und „Sohn“ zu adoptieren, um sich abzusichern. Doch ideal war diese Lösung nicht und als einige Jahre später die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt wurde, war klar: sie wollen heiraten. Der Richter schrieb mit ihrem Fall Geschichte, als er erlaubte die Adoption zu annullieren, um den Weg für eine Hochzeit freizumachen.

 

Die Interviews mit diesen tollen und individuellen Paaren machen den Film zu einem ganz besonderen Erlebnis. Man spürt ihre Liebe und Verbundenheit, fühlt aber auch ihre Wut und Trauer über unfaire Zeiten oder ihren Unmut über den Egoismus oder die Sturheit des jeweils anderen. Und immer wieder muss man auch einfach über die Sprüche und schrägen Eigenheiten der Paare lachen, z.B. wenn Heinz mit einem Golfschläger die Pinienzapfen von seinem Grundstück entfernt indem er sie ohne Rücksicht auf Verluste einfach Nachbarn rüberschießt und auch noch größten Spaß daran hat.

 

Neben der emotionalen Berg- und Talfahrt werden hin und wieder Knetanimationen der Paare von der Künstlerin Izabela Plucinska gezeigt. Diese sind zwar ohne Zweifel sehr speziell und interessant vom Look, doch der Mehrwert für den Film lässt sich nicht ganz erschließen. Weder kommen wir den Figuren dadurch näher, noch scheint uns der tragikomische Kommentar etwas zu nützen. Wer sich jedoch nicht über die tiefere Bedeutung dieser Szenen Gedanken macht und sich allein an deren Originalität erfreuen kann, dem werden diese Sequenzen sicherlich auch gefallen. Das einzige was das emotionale Erlebnis etwas stört ist die schnelle, auf Komödie geschnittene Musik, die vielleicht zu dem vorherigen Film der Samdereli Schwestern gut passte, in einem so tiefsinnigen und schon von allein so komischen Dokumentarfilm, wirkt sie jedoch fehl am Platz. Der Film lohnt sich trotzdem, nicht nur weil er schön anzusehen ist, sondern weil man etwas daraus mittnehmen kann.

 

Gesehen von: Daniela Magnani Hüller

© 2018 Concorde Filmverleih GmbH, Hildegard u. Heinz-Siegfried Rotthäuser (Deutschland, verheiratet seit 1960)

 

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